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Versuch über eine gewollte Verunsicherung, Kunst nicht übersetzen zu müssen.
(Fragen von Globalisierung, Digitalität und Ortlosigkeit als ein Gegenstand einer Sprache der Kunst)

Oft wird versucht das Wirken von Künstlern zu entschlüsseln, als sei das Werk ein Text, der von einer fremden in die eigene Sprache übersetzt werden könne. Üblicherweise werden hier Umstände, wie die Person des Künstlers in seinen biografischen, sozialen, kulturellen Bezügen herangezogen, um eine vermeintlich eindeutige Lesbarkeit seiner Werke verfügbar zu machen.

Neben allen kontextuellen Momenten seiner Zeitgenossenschaft wird auch die Verortung seines Schaffens als einfache Verständnis-Brücke herangezogen. So liest man heute gern: Based in Berlin, based in New York oder based in Shanghai, um zu erklären, was zu verstehen sein soll. Der Verweis auf diese Beziehung von Ort und Inhalt wird zum Signifikat einer Vorwegnahme der Wahrnehmung von Qualität dieser Kunst.

So gab es in Europa um die Millenniumwende ein aufkommendes Interesse an Kunst und Künstlern etwa aus Indien und China, ohne jedoch tatsächlich zu klären, worin denn genau diese flüchtige Aufmerksamkeit auf eben diese Kunst bestünde – ein merkwürdiger Akt der Aneignung, nicht ohne einen neokolonialen Beigeschmack.

In dieser unreflektierten Orientierung an einer Oberfläche geografischer Lesbarkeiten gerät das von Künstlern Hergestellte in den Strom einer ökonomisch vernetze Welt. Das künstlerische Handeln wird reduziert auf Aüßerlichkeiten, die Rezeption von Kunst etwa aus China zu einer banalen Wahrnehmung des Neuen, Fremden und Unbekannten.

Es geht also um eine besondere Form der Attraktion dessen, was unbegreiflich scheint. So etablierte sich eine Einvernahme des Anderen und Nicht-Verstehbaren. Und es offenbarte sich eine Krise der Rezeption als einer weiteren Spielart eurozentristischer Abspruchnahmen.

Verließen wir also diese geozentristische Perspektive und erklären wir uns offen für eine gewollte Verunsicherung unseres Blickes, so begäben wir uns in eine heikle Ambiguität von Anziehung und Abwehr. Wir würden in nicht übersetzbaren Formen wandeln und vertrauten uns intuitiven, nicht rationalen Begriffen an, die einer Grammatik des Anderen folgten. Entlassen aus den Gewohnheiten des eigenen Verstehens, verstünden wir uns übertragen und unübersetzt. Hier beginnen wir das Wirken in und durch Kunst als Sprache mit unserem Gegenüber als dem unmittelbaren Andern, nicht zwangsweise und vollkommen in die eigen Sprachlichkeit übersetzen zu müssen. Wir machen uns auf in diese gewollte Verunsicherung, Kunst nicht verstehen, übersetzen zu müssen.

Wohlmöglich verschöbe sich unsere Perspektive und die Hoheit unsers Blickes auf eine dem Anderen überlassen Bedeutungs-Hoheit und einen Verlust der Kontrolle der eigenen zwangsvereinnahmten Begrifflichkeiten, die wir bisher in und mit Kunst als Zeichensysteme zu kontrollieren beanspruchten.

Das Kunstwerk des Anderen – der Andere als ein Kunstwerk – bleibt mir in seiner Andersheit erhalten und ich bin nicht in meiner Wahrnehmung daraufhin konzentriert, die Kunst des Anderen gänzlich zu deferieren und ergründen zu müssen. 

Stattdessen ermöglicht dieser Blick eine Hinwendung meiner Aufmerksamkeit auf Details der Ähnlichkeit. Wir könnten dann Kunst aus Afrika als Kunst sehen und nicht als das Produkt einer verklärten Wahrnehmung. Oder wir könnten Kunst von Menschen, die unter ‚besonderen Umständen’ leben (vormals als Behinderte bezeichnet ) nicht nur als Quell und Inspiration (siehe Art Brut) einer Kunst der Ursprünglichkeit missverstehen, sondern wir könnten es uns leisten, uns im Nichtverstehen der Kunst des Anderen in einem offenen Austausch zu emanzipieren – ein großer Wunsch.

 

MK / Text für China Time/ Hamburg, September 2016