Fuer BLUME

Hierzu: Diesen folgenden Text durfte ich als Rede anlässlich der Trauerfeier für den Lehrer und Mentor Bernhard Johannes Blume sprechen. Ich hatte versucht eine Perspektive auf den Künstler-Lehrer Blume aufzuzeigen – ein Blickwinkel auf einen persönlichen Wegbreiter. Ohne die Anregungen und Kritik von der Freundin, Künstlerin und Blume Mit-Schülerin Gabi Steinhauser wäre dieser Angang nicht möglich gewesen.  Wohlmöglich war diese Textfertigung eine meiner schwierigsten Aufgaben, das Denken und Empfinden in Zeilen zu suchen und zu hinterlassen. Als zweiter Redner zum Werk und zur Person von B.J. Blume möchte ich hier auf den Hauptvortrag von dem Blume Freund und Weggefährten Baron Brock hinweisen.  Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung fand am Donnerstag, den 08.09.2011 um 14.30 Uhr in der Trauerhalle des Friedhofs Melaten in Köln statt.

 

„… so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat…“   –
Über das Marionettentheater von Heinrich von Kleist

Liebe Anna Blume – liebe Hedwig –
lieber Wilhelm Blume – Liebe Angehörigen und Freunde

BJ Blume kommt Ende der 80er Jahre an die Hochschule in Hamburg. Die Hfbk ist zu diesem Zeitpunkt geprägt von einer dominanten Trennung der einzelnen Fachbereiche. In der Freien Kunst gibt es vorscheinlich zwei Richtungen: zum einem eine Lehre, die Kunst als historisch dialektische Konsequenz begreift und zum anderen das Konzept des Künstler- Egos, das außerhalb des Sozialen als Habitus mit seinen Kuppeln feiern möchte.
Blume ist zwei Fachbereichen, der Visuellen Kommunikation und der Freien Kunst zugeordnet. Seine Berufung ist Programm und ermöglicht eine andere Positionierung. Nicht der spätere Handelsplatz der künstlerischen Produktion ist ausschlaggebend, sondern die intellektuelle Durchdringung von Kunst und Kommunikation .

Das Programm hat einen Ort: Raum 120. Hier beginnt Blume mit Vortragsreihen unsere Köpfe aufzumachen und stellt die ortsübliche Hermetik der Klassen infrage. Themen sind u.a. Emanzipation in der Reihe „Kunst-Frau/ Frau-Kunst,“ oder später – von Anna Blume jr. injiziert – Vorträge zur „Neuen Phänomenologie.“ Blume lädt Denker aus den verschiedensten Disziplinen ein. Der Raum 120 wird zu einem hochschul-öffentlichen Ort der Auseinandersetzung. Der Klassen-Raum, quasi eine leere Hülle, wird immer wieder aufs Neue angereichert, befragt und in seiner Semiotik verrückt. Hier bekommt keiner seiner Studenten seine gemütliche Ecke, in der er/sie es sich mit kleinen Nettigkeiten einrichtet kann. Der Raum bleibt der Raum, mit Stühlen, ohne Stühle, mal kurz als Arbeitsplatz für schnelle, größere Arbeiten. Dann muss alles wieder raus. Ausräumen, Einräumen, Deuten, Verhandeln – alles wieder raus. Usw … Zu Blume kommen die, die einen anderen medialen Ansatz erforschen wollen. Im Wesentlichen gab es zwei Zirkel: ein großer Kreis, informell, wechselnd, aber sehr viele – und ein innerer Kreis, wenige, vielleicht eineinhalb Duzend Studenten.

Im Vorlesungsverzeichnis der Hfbk können sie lesen: „Professor BJ Blume, Raum 120/21, alle Formen der angewandten und freien visuellen Kommunikation“. – Was meint dies? Ich möchte hier dieses Wort Kommunikation herausgreifen und es rückführen auf die mögliche Herkunft der römischen Landziehungs-Gesetze, wonach zwei angrenzende Landstücke sich eine gemeinsame Mauer teilen – „Comm Mur,“ – also eine gemeinsame Mauer haben. In diesem Bild der gemeinsamen Grenze verstehe ich den Lehrer Blume als meinen intellektuellen Anreihner. Er schenkt seinem Schüler Aufmerksamkeit, in dem er sich an die entsprechende Stelle der Comm-Mur stellt. Schüler und Lehrer zeigen auf die einzelnen Momente dieser Angrenzung. Die Wand ist da – wirklich und gleichzeitig virtuell. Die Dinge müssen benannt werden. Der Schüler formt Begriffe. Beide Seiten machen sich daran, Wort, Bedeutung und Gegenstand miteinander zu verhandeln. Der Ältere lässt den Jüngeren die Qualitäten ausloten. Es geht hier nicht darum, das Gebilde des Lehrers nachzuvollziehen, sondern um eine vom Schüler entworfene Formation.

Wer zu Blume mit vorgefertigten Begriffen kommt und diese nicht strapazieren kann, war schnell wieder weg von der Comm-Mur. Wer imitiert, fliegt raus, wer Jünger sein möchte, auch! An der Comm-Mur bleiben die, die sich selbst ins Spiel bringen können. Blume Studenten sind kaum phänotypisch mit seinem Werk zu identifizieren, jedoch im Genotyp sind unverwechselbare Ähnlichkeiten zu erkennen. Blume empfiehlt uns, nicht vorschnell in Lösungen zu denken. Er verlangt von uns, es lange genug zu ertragen und alles Beiläufige wegzulassen, um dann ein Handwerk zu verrichten, dass gleichsam „gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein“ erfordert.

Blume fordert den Handwerker und den Philosophen und verlangt Haltung und nicht Attitüde. Bei Blume wird es nicht gemütlich – kein gemeinsames „Rumhocken,“ keine Verbrüderung, keine Vermischung der Instanzen. Hier ist der Lehrer, dort der Schüler. Blume ist kein Schicksals-Voyeur. Er ist achtsam und bereit, Existenzielles zu sehen – keine Sentimentalität, dagegen praktische Anteilnahme.

Der Lehrer gibt dem Schüler die Möglichkeit, ernst genommen zu werden. Er braucht aber nicht seinen Applaus. Der Schüler kann dann weiter gehen, wenn er erkennt, mit seiner Aufgabe fertig zu sein. Blume schickt seine Studenten raus aufs Feld, weg von der gemeinsamen Mauer. Er bietet keine Seilschaft übers Feld: „Sorge für dich, hoffe nicht auf den Kunst-Betrieb und bewältige deine Arbeit.“ Der Schüler muss es nun selbst richten. Blume beobachtet aus der Ferne.

Wenn ich kurz zurückkomme an die gemeinsame Mauer, bekomme ich eine klare Positionierung. Blume schreibt mir: „Wir haben auch nur einiges von Älteren und womöglich von Beuys – gelernt,- es ist ja die je eigene Wiederholung eines aufmerksamen Verhaltens, .. – und, – um es pathetisch und beuysianisch zu sagen, vielleicht die einer Flamme, eines gewissen Lichtes…Wir stellen uns allerdings vor, dass Du solches nun Deinerseits und auf Deine Weise zum Leuchten bringst.“

Wir, deine Schüler, werden dich schmerzlich vermissen. Wir sollten zusammenrücken und mit dir, in uns, kommunizieren. Darin liegt wollmöglich ein unendliche Grazie – gleichsam unbewusst und bewusst!
Dein Tod, mein lieber Lehrer, ist nicht nur unser Problem – sondern es soll uns, eine Aufgabe sein.

Michael Kress, Quickborner-Heide, 06.September 2011

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